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Studium und Kind

Infos für Studenten rund um das Thema: studieren mit Kind - vom Kindergeld bis zum Urlaub mit Kind

Der unsichtbare Rucksack

Man hat das Studium endlich aufgenommen oder befindet sich mitten im Semester, die nächste Prüfung naht, und nebenbei will das Kind pünktlich von der Kita abgeholt werden. Trotz guter Planung liegt ständig das Gefühl in der Luft, noch etwas vergessen zu haben. Dieses stete „Was steht noch aus?“ beschreibt die sogenannte mentale Last, welche Studierende mit Kind oft begleitet. Im Hochschulalltag geht diese Last leicht unter, denn sie ist nicht so sichtbar wie Stapel von Büchern oder ein Kalender voller Termine. Doch die Auswirkungen können beträchtlich sein: von Schlafmangel über innere Unruhe bis zu abnehmender Konzentrationsfähigkeit.

Was versteht man unter mentaler Last?
Die mentale Last umfasst alle Aufgaben, die gedanklich bewältigt werden müssen, bevor es überhaupt zum aktiven Handeln kommt. Bei Studierenden mit Kind geht es dabei häufig um folgende Punkte:

• Organisation des Alltags: Wer kümmert sich um Einkäufe, Behördengänge oder Arzttermine?
• Emotionale Arbeit: Wie bleibt man geduldig und präsent für das Kind, wenn der Kopf gleichzeitig bei der anstehenden Hausarbeit oder Prüfungsvorbereitung ist?
• Informationsmanagement: Wann steht welche Lehrveranstaltung an? Wer benötigt welche Formulare? Wo gibt es noch Lücken in der Kinderbetreuung?

Diese Vorab- und Nebenaufgaben summieren sich. Sie werden zur mentalen Dauerbeschäftigung, die selten in Stunden- oder Wochenplänen eingeplant wird, aber ständig im Hinterkopf mitläuft. Untersuchungen des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zeigen, dass diese Form der Alltagsorganisation in vielen Familien häufig auf eine einzige Person konzentriert ist, was den Druck zusätzlich erhöht.

Ursachen für den unsichtbaren Rucksack Studierende mit Kind stehen am Schnittpunkt zweier Lebensbereiche, die beide viel Energie erfordern: Studium und Familie. Gleichzeitig besteht oft ein hoher gesellschaftlicher Druck: Man soll im Studium schnell vorankommen, gute Noten erzielen und zum Abschluss pünktlich in den Job starten. Daneben hat das Kind ein natürliches Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Fürsorge.

Mehrfachbelastung
• Studium verlangt tägliche Präsenz oder intensive Nachbereitung.
• Kinderbetreuung ist emotional herausfordernd und zeitintensiv.
• Haushaltsaufgaben und finanzielle Verantwortung fordern eine verlässliche Struktur.

Perfektionsanspruch
• Viele Eltern und Studierende empfinden Druck, in beiden Rollen – Studierende*r und Mutter/Vater – perfekt sein zu müssen.
• Medienberichte über scheinbar mühelos erfolgreiche Familien erzeugen zusätzliche Erwartungen, die kaum realistisch zu erfüllen sind.

Mangelnde institutionelle Unterstützung
• Nicht alle Hochschulen sind auf studierende Eltern eingestellt.
• Flexible Betreuungsmöglichkeiten fehlen oft oder sind kostenintensiv.

All das sorgt dafür, dass die mentale Last bei vielen Studierenden kontinuierlich steigt, ohne dass sie konkret benannt oder sichtbar wird.

Strategien, um die mentale Last zu entschärfen
Trotz der Herausforderungen gibt es Wege, den unsichtbaren Rucksack leichter zu machen. Einige davon sind bereits wissenschaftlich erprobt oder fußen auf Erfahrungen erfolgreicher Studierender mit Kind.

1. Verteilung von Aufgaben und Zuständigkeiten
• Partner*innen oder Angehörige einbinden: Eine offene Kommunikation über das, was wirklich ansteht, schafft Klarheit und erleichtert faire Verteilung.
• Kommiliton*innen um Unterstützung bitten: Lerngruppen können Aufgaben teilen und so für alle Beteiligten eine Entlastung schaffen.

2. Selbstfürsorge und Zeitmanagement
• Klare Stundenpläne erstellen, inklusive fester Pausenzeiten.
• Realistische Ziele setzen, anstatt sich starr auf Perfektionismus zu fokussieren.
• Kleine Auszeiten oder Mikroerholungen einbauen, zum Beispiel ein kurzer Spaziergang zwischen zwei Vorlesungen.

3. Professionelle Unterstützung
• Psychologische Beratungsstellen an Hochschulen bieten oft Gespräche oder Workshops/Stressmanagement an.
• Studienberatungen wissen um die besonderen Herausforderungen von Studierenden mit Kind und können geeignete Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigen.

4. Flexibilität in der Studienorganisation
• Ein Fernstudium kann in manchen Fällen eine Alternative darstellen, um den täglichen Pendel- oder Präsenzstress zu reduzieren.
• Teilzeit- und Online-Angebote einiger Hochschulen erleichtern die Vereinbarkeit von Familie und Studium.

5. Netzwerken und Austausch
• Selbsthilfegruppen oder digitale Foren für studierende Eltern sind eine wertvolle Ressource, um Strategien zu teilen und Rückhalt zu finden.
• Hochschulinitiativen, z. B. Elterncafés oder Infoveranstaltungen, bieten Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten.


Der kritische Blick: Braucht es mehr als individuelle Lösungen?
Einzelne Methoden können die persönliche Situation entschärfen, doch das Phänomen der mentalen Last verlangt auch eine strukturelle Betrachtung. Selbst wenn man ein System für sich entwickelt, bleiben externe Faktoren wie fehlende Kita-Plätze oder starre Studienpläne bestehen. Daher lohnt es sich, an die eigene Hochschule heranzutreten und auf zentrale Einrichtungen wie Gleichstellungsbüros oder Studierendenvertretungen zuzugehen.

Dort können Impulse für mehr Unterstützung gesetzt werden, beispielsweise durch:
• Erweiterung der Betreuungszeiten an Hochschulkitas
• Einführung von Online-Veranstaltungen für Pflichtkurse
• Flexible Gestaltung von Praktika und Praxisphasen

Schließlich ist mentale Gesundheit nicht nur eine private Angelegenheit, sondern ein Bereich, in dem Hochschulen ebenso Verantwortung übernehmen sollten. Wer studiert und ein Kind versorgt, bringt schließlich potenzielle Fachkräfte hervor, die für Gesellschaft und Wirtschaft unentbehrlich sind.